Manche Städte erschließen sich über ihre Sehenswürdigkeiten. Wien erschließt sich über seine Grätzl. Jedes Viertel hat einen eigenen Rhythmus, eine eigene Küche, einen eigenen Grund, länger zu bleiben als geplant. Ein Streifzug durch vier Ecken der Stadt, die kulinarisch für sich stehen.

Naschmarkt & Umgebung: der kulinarische Puls der Stadt

Zwischen dem 4., 5. und 6. Bezirk pulsiert Wien kulinarisch wie kaum woanders. Der Naschmarkt selbst, mit internationalen Spezialitäten, Bauernmarkt und dem samstäglichen Flohmarkt, ist der Ausgangspunkt jedes Streifzugs durch dieses Grätzl.

Wer länger bleibt, findet das Café Kandl in der Kandlgasse mit seinem Innenhof unter Magnolienbäumen, das Glacis Beisl als grüne Oase im Museumsquartier und das Shanghai Tan in der Gumpendorfer Straße für gedämpftes Licht, rote Lampions und handgezogene Nudeln, die man sonst kaum findet. Eine Gegend, die man in Stunden durchwandern und in Abenden verlieren kann.

Ottakring & Brunnenmarkt: das bunteste Grätzl der Stadt

Ottakring im 16. Bezirk zeigt sich nirgends deutlicher als am Brunnenmarkt und Yppenplatz: Lebensmittel aus aller Welt zu fairen Preisen, freitags und samstags ergänzt durch den Bauernmarkt mit heimischen Bio-Produkten.

Der Eissalon Mauß in der Thaliastraße produziert seit 1963 täglich bis zu vierzig Sorten in Handarbeit, und die Dampha Kitchen am Yppenplatz bringt nach Jahren als Pop-up endlich eine fixe Adresse ins Viertel: westafrikanische und lateinamerikanische Küche, die Geschichten erzählt. Ottakring ist laut, lebendig und unverwechselbar wienerisch.

Alsergrund: mehr als nur Studentenviertel

Der 9. Bezirk gilt als Studentenviertel, ist aber längst mehr als das. Die Coffee Pirates in der Spitalgasse rösten seit 2012 mit direktem Produzentenkontakt und fair gehandelten Bohnen, das Das1090 am Bauernfeldplatz steht für entspanntes Tagesgeschehen.

Ein Viertel, das tagsüber nach Kaffee und abends nach gutem Wein riecht.

Landstraße: ruhig, aber nicht weniger interessant

Der 3. Bezirk ist ruhiger als die anderen, aber kulinarisch keineswegs zweitrangig. Lingenhel betreibt hier Wiens erste Stadtkäserei samt Bistro, das man täglich besuchen könnte. Das 575 Sagmeister in der Schimmelgasse ist Wirtshaus seit 1958, Kegelbahn inklusive, österreichische Küche ohne Convenience.

Wer das Beste des Bezirks erleben will, reserviert im Steirereck im Stadtpark: zwei Michelin-Sterne, Platz 33 der World's 50 Best, legendärer Brot- und Käsewagen. Ein Bezirk, der seine Qualität nicht ausstellt.

Vier Grätzl, vier völlig unterschiedliche Wiener Erzählungen, und doch dieselbe Grundhaltung: gute Produkte, kurze Wege, Orte mit Charakter statt Inszenierung.